»Was groß ist, berührt. Doch lässt es sich nicht fassen. Es bleibt ein Geheimnis.
Wer das analysieren wollte, um es genau zu wissen, dem bleibt vom Feuer nur die Asche.«
(aus Bert Hellinger: »Ordnungen der Liebe«)


Das Geheimnis

Heute schläft man miteinander, einst hieß es: »Sie erkannten sich.« Das Geheimnis kam abhanden.

Es scheint, als sei die Sexualität mittlerweile zu einer Leistungsarena oder sogar zu einem Konsumartikel geworden. Das Geheimnis aber - zwei Menschen, die sich begegnen, zwei Körper, die miteinander sprechen, sich berühren und zusammenfinden zu einem Tanz, der beide umarmt und über beide hinausgeht, - ist verloren gegangen.

Stattdessen bestimmen oft eingefahrene Gewohnheiten, Erwartungen und Leistungsdenken den Raum der sexuellen Begegnung. Ausgefeilte Techniken sollen (vorzugsweise) zum multiplen Ganzkörperorgasmus führen. Und vielmehr scheinen Männer wie Frauen das Kostbarste von sich (ihren Penis bzw. ihre Vagina.) zu einem Leistungsgegenstand zu machen, so wie sich selbst.
Dabei ist die Schönheit einer sexuellen Begegnung nicht abhängig vom Orgasmus, sondern allein von der Schönheit des Kontakts. Und Erfüllung passiert nicht, wenn wir Erwartungen oder Vorstellungen haben. Sie geschieht dort, wo wir es wagen leer zu sein und uns ganz dem Augenblick hinzugeben, ohne Ziel.

Der leidenschaftliche Tanz zwischen Mann und Frau lebt von der Intensität des Augenblicks, vom Zauber der Faszination des Nicht-Begreifbaren, von der absichtlosen Stille zweier Menschen, die bereit sind sich zu öffnen und vom Nicht-Vorhersehbaren überraschen zu lassen. Erst dann ist Raum da - offen, einladend und wohltuend - für das Geheimnis, was zwischen beiden wirken will; für das, was zwischen zwei Polen, zwischen zwei Menschen und zwischen zwei Atomen schwingt: der Atem des Lebens.
Lassen wir einen Raum frei für das Geheimnis, um das Ich und das ganz Andere, für das was jenseits unseres Verstehens, Begreifens oder Erklärens liegt, so können wir erleben, wie sich der leere Raum ganz von selbst füllt mit etwas, das uns berührt, ergreift und verändert zurück lässt. Das ist es, was Herz und Seele nährt. Ansonsten bleibt die Sexualität hohl und schal und leer.

So sehr wir das Sichere und Vorhersagbare lieben: Eine wirklich tiefe sexuelle Begegnung erleben wir nur, wenn wir bereit sind, aus der Sicherheit der eigenen Gedanken- und Bewertungswelt auszusteigen und uns dem Nicht-Vorhersehbaren und Unkontrollierbaren zu öffnen. Dabei geht es darum, geschehen zu lassen anstatt eingeübte Berührungs- oder Verhaltensmuster abzuspielen. Achtsam, präsent, feinfühlig öffnen wir uns dem, was ist. Das Geheimnis dabei ist: Je tiefer wir bei uns selbst sind, umso tiefer wird der Kontakt zum Anderen.
Gedanken, Urteile, Vorstellungen, Erwartungen - sie halten uns fest im Raum, in dem wir uns selbst gefangen halten. Aber wenn wir uns mitten in uns selbst hinein fallen lassen, dann können wir erleben wie etwas freier wird, wacher, lebendiger, echter. Wir sind zu uns selbst zurückgekehrt - mitten in unsere eigenen Arme hinein.

 

Scheinbar

Wohin man schaut auf der Welt - alles schmachtet nach Sex, alles ist lüstern auf Sex.
Das liegt nicht etwa daran, dass die Welt sexueller geworden wäre, sondern daran,
dass ihr nicht einmal mehr den Sex als totalen Akt genießen könnt.
Früher war die Welt sexueller.
Darum gab es dieses Schmachten nach Sex damals noch nicht.
Dieses Schmachten zeigt, dass das Echte fehlt und nur das Unechte da ist.
Das gesamte moderne Denken hat sich nur deswegen sexualisiert,
weil es den Sexakt an sich nicht mehr gibt.
Selbst der Sexakt ist in den Kopf verlagert worden.
Er ist mental geworden:
Ihr denkt darüber nach!

OSHO

 

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