Shiva und Shakti

Polarität ist der Motor und die Dynamik des Lebens


Wir leben in einem polaren Universum. Und alles Leben beruht auf dem Wechselspiel polarer Faktoren. Polarität ist der Motor und die Dynamik des Lebens. Ohne sie gäbe es keine Entwicklung, kein Wachstum und kein Leben.
Denn wo keine Gegensätze existieren, gibt es auch keine Bewegung. Eine Kraft muss immer etwas haben, mit dem sie in Beziehung treten kann. Oder anders gesagt: Dort wo eine Kraft sich äußert, muss auch etwas da sein, worauf diese Kraft wirken kann. Erst durch die Trennung in zwei entgegen gesetzte, komplementäre Prinzipien, entsteht der Raum, in dem sich Entwicklung vollziehen kann. Dies ist der Grundzug alles Lebendigen, ohne den nichts Neues entsteht.

Dabei ist diese Zweiheit als Ausdruck eines Ganzen zu verstehen. Würde der eine Pol verschwinden, so muss auch der andere verschwinden. Beide Pole sind aufeinander angewiesen; sie fordern, bestimmen und regulieren sich gegenseitig. So wie es keinen Tag ohne Nacht gibt, wie Ebbe und Flut sich einander bedingen, wie der Berg erst das Tal definiert und das Tal erst den Berg erschafft, so muss mit dem Auftauchen des ersten Etwas auch ein zweites Etwas in Erscheinung treten, über das sich das Erste definiert. So ruht unter der Kraft der Zwei, die Kraft der Eins, die ewige Einheit der Gegensätze, die erst in ihrer Bezogenheit und Ergänzung Drittes hervorbringen.


Das Urprinzip allen Lebendigen

In der tantrischen Philosophie wird diese Urpolarität des Lebens in der Gestalt Shivas und Shaktis dargestellt. Sie repräsentieren die Urprinzipien männlicher und weiblicher Energie: Shiva als göttliche Verkörperung des männlichen Prinzips - Shakti als die kosmische Kraft des weiblichen Prinzips.
Zwischen ihnen schwingt der Raum, in dem sich die Entfaltung allen Lebendigen vollziehen kann. Denn erst im Spannungsfeld ihrer Verschiedenheit regen sie sich ewig an, befruchten einander und bringen so die Mannigfaltigkeit des Lebens hervor. Spannung ist demnach der Urkeim des Lebens. Ohne sie gäbe es kein Streben, keine Weiterentwicklung, kein Leben.
So waltet über allem Wandel die ewig wirkende Kraft zwischen den Gegensätzen. Erst die Trennung, der Abstand bringt den rhythmischen Tanz hervor, auf dem die Ursache aller Schöpfung beruht.

 

Diese explosive, schöpferische Spannung zwischen den männlichen und weiblichen Urprinzipien finden wir beispielsweise im Symbol des Shree Yantras dargestellt. Die fünf weiblichen Dreiecke von oben und die vier männlichen von unten symbolisieren den unaufhörlichen Prozess der Schöpfung. Wie eine ununterbrochene Reihe von Lichtblitzen durchdringen sie sich gegenseitig und spiegeln so den ewigen Prozess der Zeugung.

 

Doch, obwohl gegensätzlich in ihren Qualitäten, sind die beiden konträren Prinzipien untrennbar zwei Aspekte eines unteilbaren Ganzen und Absoluten. Dieses wird in dem Bild von Shiva in Vereinigung mit Shakti gezeigt. Hier finden wir den ewig währenden Tanz zwischen dem Männlichen und dem Weiblichen dargestellt, aus dem heraus alles Neue entsteht. TANTRA betrachtet demnach die Schöpfung der Welt als einen erotischen Liebesakt.
Hinter der Darstellung verbirgt sich jedoch noch mehr. Sie ist nicht nur als Symbol für die Einheit der Polaritäten zu verstehen, sondern als Ausdruck höchster kosmischer Bewusstheit, jenseits der Welt der Formen und polaren Gegensätze. Oder anders ausgedrückt: In dieser Darstellung finden wir den Geist mit der Materie vereinigt, die Menschenseele mit der Weltenseele, den individuellen mit dem universellen Geist. Trennung existiert nicht mehr, es bleibt allein das reine, pure Sein.


Der Tanz der Gegensätze

So geht es auch bei der geschlechtlichen Vereinigung von Mann und Frau um die Entdeckung des harmonischen Tanzes der Gegensätze. Dabei ist der körperliche und energetische Austausch genauso wichtig wie die emotionale Intimität. Sexualität ohne Herz ist blind. Sie wird erst durch die Liebe sehend.
Sind beide - Mann und Frau - vollkommen präsent und tief mit ihrem Herzen verbunden, so wird die Berührung zu einem Gebet und die körperliche Vereinigung zu einem Sakrament, in dem sich im Persönlichen das Unpersönliche offenbart, die göttliche Dimension des Seins im Irdisch-Materiellen.
Verstrickt in männliche und weibliche Rollenbilder bleibt jedoch oft die Magie, die in dieser Begegnung liegt, verborgen. Anstatt sich aus der Mitte heraus zu begegnen, gehen beide von ihren äußeren Bedürfnissen aufeinander zu. Die Folge: Es wird außen agiert. Und was eine Begegnung der Urkräfte des Lebens sein soll - Männlich und Weiblich - , wird zu einem Klammern an Idole, Bilder und Vorstellungen, das beiden keinen Raum lässt

Denn das Wesentliche ist der magische Raum des Spannungsfeldes zwischen Mann und Frau. Dieser ist es, der den leidenschaftlichen Tanz zwischen den Geschlechtern erst möglich macht. Und er wird genährt durch respektvolle Wahrnehmung und Achtung der Unterschiedlichkeit des anderen Geschlechts. Auf diese Weise wird der geschlechtliche Liebesakt zu einem Gottesdienst, der das Leben selbst huldigt.
Gemeinsam betreten wir den Zwischenraum, wo wir auf das Unsagbare, Unhörbare lauschen - auf das, was zwischen uns und in uns wirken will. Achtsam öffnen wir uns füreinander und dem Geheimnis, das ein jeder ist...
Es ist die Geburt des raumlosen Raums, jenseits der dualen Wahrnehmung, in dem die Gegensätze miteinander verschmelzen. Leere und Fülle zugleich. Die Wirklichkeit unterhalb der materiellen Welt hat sich offenbart, eine Welt pulsierender Energien, die durch Resonanz zusammengehalten wird. Und beide sind nur noch Teil des kosmischen Tanzes, der das ganze Universum auszubreiten scheint.

 

»An nichts anhaftend, frei und absichtslos, jeder Moment ist tiefe Stille. Ein unbegrenzter, hochelektrischer
und lichtvoller Segensstrom löst sich in uns auf. Wir sind angekommen als Gott und Göttin.
Nur diese Erfahrung zählt.« (Vigyan Bhairav Tantra)

 

Dieser Text ist urheberechtlich geschützt