Tantra

Was ist Tantra?

»Tantra ist die Wiederentdeckung unseres erotisch-sexuellen wilden Selbst. Tantra ist die Erfahrung, dass unser Körper ein millionenfach schwingendes Universum ist zur Einheit verwoben mit unserer Seele. Tantra ist ein Verweilen in der Freude des Seins.«


Genieße Dich selbst

Die Freude am Dasein wohnt in unserem Körper. Sie tanzt in unseren Eingeweiden und pocht mitten zwischen unseren Lenden. Und so wie eine Blüte verwelkt und stirbt, wenn man sie von ihren Wurzeln trennt, ist es auch beim Menschen: Wird das Feuer seiner sexuellen Potenz niedergehalten oder sogar ganz zum Erlöschen gebracht, verkümmert er.

Der Weg des Tantra hilft dabei, sich von diesen Zügeln zu befreien, die unser Funken sprühendes, wildes, sexuelles Selbst gefangen halten. Der Weg dorthin beginnt damit, die »Tore der Wahrnehmung«, die »Fenster zur Wirklichkeit« - unsere Sinne - wieder zu öffnen, die im Laufe der Zeit stumpf und taub geworden sind.
Tantra sagt: »Wenn Du schaust, werde ganz Auge. Wenn Du hörst, werde es ganz Ohr. Und wenn Du etwas isst, dann iss mit allen Sinnen und werde zu einem einzigen Schmecken.« Tantra heißt: Das Leben zu fühlen und in die pulsierende Energie allen Lebendigen einzutauchen.
Tantra sagt auch: »Was immer Du tust, tu es vollkommen, tu es total. Du wirst dabei unvollkommen sein, doch Deine Unvollkommenheit wird voller Schönheit sein, denn sie wird voller Totalität sein.«
Wenn die tantrische Lehre von Ganzheit spricht, dann meint sie damit nicht Vollkommenheit sondern Wahrhaftigkeit: »Sei echt, sei hier, mit allem, was zu Dir gehört, auch mit Deiner Unvollkommenheit.« - So sagt Tantra. »Geh ganz in dem auf, was gerade ist, und öffne Deinen Körper für alle Empfindungen, derer er fähig ist. Und wenn Du Liebe machst, atme tief in Deine Gefühle hinein. Genieße Dich selbst und Du wirst erleben, dass das Leben ein Tanz ist.«

Tantra ist die Einladung, Dein Wesen im Hier und Jetzt zu feiern und mit allen Sinnen zu genießen. Dazu gehört auch die Anerkennung Deiner sexuellen Triebe und Begierden. Alles kann ein Tor zum Erkennen Deiner innewohnenden schöpferischen Energie sein, auch Deine Lust. Gerade Deine Sexualität ist die primäre Quelle Deiner Lebensfreude. Urtümliche Schöpfungsmacht kursiert in Dir. Lass sie frei, damit sie jede Zelle Deines Körpers durchdringen und neu beleben kann. Es gibt nur eine ungeteilte Energie, die durch Dich fließt. Im Becken zeigt sie sich als sexuelle Energie, im Solarplexus als Durchsetzungskraft, im Herz als Liebe und im Kopf als Stille.

 

Eine Reise ins innere Sein

Tantra ist demnach mehr als sexuelle Praktiken. Der tantrische Weg ist vielmehr eine Reise ins innere Sein, die immer tiefer in den Raum von großer Kraft und pulsierendem Leben aber auch von Stille und Frieden führt.
Der Körper wird hierbei als Tor zum Mysterium des Lebens gesehen, als heiliges Gefäß, um das Göttliche zu erfahren. Das Paradies ist nicht - wie viele andere Religionen propagieren - außerhalb des Selbst zu finden, sondern der Körper selbst ist das Paradies. Ihn zu spüren, die Lebendigkeit, die ihn durchströmt, heißt die tiefere Wirklichkeit zu erkennen, die alles durchdringt.

»Fühle!« sagt Tantra. »Je mehr Aufmerksamkeit Du dem Fühlen gibt, umso mehr bekommst Du zu spüren, dass Du formlos, grenzenlos und unergründlich bist. Die Konditionierungen des Verstandes, das Drehbuch in deinem Kopf, das Du vor langer Zeit auswendig gelernt hast, das bist nicht Du! Du bist viel mehr als Dein Verstand dich glauben macht.«
Dazu gehört auch alles anzunehmen, wie es ist. Nichts wird ausgegrenzt oder abgespalten, nichts bleibt ungesehen, ungeachtet  denn alles hat seinen Platz, ist Teil des Großen Ganzen. Und alles wird benutzt, um alles Unwissen, alle Konditionen, Muster, Gewohnheiten und falsche Vorstellungen aufzulösen. «Jeder Stein der mir in den Weg gelegt wird, nutze ich um mein Schloss zu bauen.» (Goethe)

Genauso wird die Sexualkraft als Vehikel für die Transformation benutzt. Sie ist die stärkste Energie in unserem Körper. Aus ihr sind wir entstanden, sie erhält uns am Leben, sie liefert die Energie für unseren kreativen Ausdruck und sie lässt uns neues Leben erschaffen. Und letztendlich ist sie nichts anderes als pure, reine Schöpfungskraft, die alles durchdringt und stets neues Werden hervorbringt.
Sie in der sexuellen Begegnung zu zelebrieren, heißt, die ungezähmte Kraft unserer Seele zu entdecken. Was in den Krusten unseres Lebens verstummt und durch (scheinbare) Sicherheiten betäubt war, wird wieder zu neuem Leben erweckt. Intensives Eintauchen in die Lust befreit uns von der Fessel des Verstandes und öffnet die Schlösser zu den unterirdischen Höhlen unseres Selbst, um die vor uns selbst versteckten Schätze ans Licht zu bringen.

 

Eros als Tor zu einer größeren Dimension

Tantra kennt keine Ideologien oder Dogmen, und die Begriffe von Schuld oder Sünde sind dort nicht zu finden. Tantra möchte einzig und allein, dass Du lebendig bist - »So lebendig wie die Bäume, so lebendig wie die Flüsse, so lebendig wie die Sonne und der Mond. Das ist dein Geburtsrecht.« (Osho)
»Erkenne Dich selbst!« - so sagt Tantra. »Wie oft beschneidest Du Dich, weil Du glaubst, dass irgendetwas an Dir schlecht wäre? Wie oft wendest Du Deine Kraft gegen Dich, anstatt sie für Dich einzusetzen? Nur wenn Du akzeptierst, was Du bereits hast und bist und es nicht bekämpfst, kannst du erkennen, was in Dir steckt. Du musst mit allen Deinen Teilen in Berührung kommen, den hellen und den dunklen. Oft verbirgt sich gerade in deinen Schatten eine Qualität. Und gerade Deine Sehnsucht, das Gefühl des Fehlens ist es, das Dir den Weg zu Deinem Inneren weist.«
Tantra ist auch keine Religion, aber lädt die spirituelle Dimension ein. Tief in den Genuss des Körpers zu gehen, bedeutet, die tiefere Wirklichkeit jenseits allen Sichtbaren und Verstehbaren zu spüren zu bekommen. In dem Moment, wo wir ganz bewusst, wach, klar und mit allen Sinnen erleben, ohne zu bewerten oder zu urteilen, öffnet sich eine Tür, die uns die größere Dimension des Seins erfahren lässt.

 

Tantra ist eine Sache des Herzens, das sich mit dem Fleisch vermählt

Ohne das Herz ist dieser Raum allerdings nicht zu betreten. Denn das Herz verurteilt nicht, es lehnt nicht ab und bevorzugt nichts. Es hat Platz für das Gegensätzliche im Leben. Nur das Herz allein weiß dem Paradoxon zu begegnen, das alles Leben durchdringt.
Der Weg des Tantra führt also mitten durch das Herz. Dieses ist es, das die irdische Dimension mit der himmlischen zu verbinden vermag, die Sexualität mit der Spiritualität, den Körper mit dem Geist, das Profane mit dem Heiligen. Dieses ist es, das uns den Zugang zur tieferen Dimension des Seins überhaupt ermöglicht.

Was uns jedoch davon trennt, ist der Schutz, den wir gegenüber dem Schmerz alter Verletzungen aufgebaut haben. Wie ein Panzer umschließt er unser Herz und lässt alles nur noch gedämpft oder gar nicht zu uns vordringen. Aus Angst davor erneut verletzt zu werden, haben wir uns verschlossen und unberührbar gemacht. Stattdessen hat unser Denken die Regie übernommen. Lieber keine Lebendigkeit als die Kontrolle zu verlieren. Doch damit können wir uns auch nicht mehr von dem Schönen erfüllen lassen. Die Folge davon ist: Eine Leere macht sich im Innern breit. Wir fühlen uns getrennt von den anderen und von der Welt.
In Wahrheit aber haben wir uns von uns selbst getrennt. Wir haben den intimen Kontakt zu uns selbst und damit auch zur Welt um uns her verloren. Und alles, was wir vernehmen, ist diese schreckliche Stille, die entsteht, wenn nichts mehr zu uns spricht - nichts mehr zu uns durchdringt und uns berührt.

 

Fließen mit dem, was ist

Der Weg des Tantra öffnet wieder den Zugang zu sich selbst. Was es dazu braucht, ist der Mut zur Verletzlichkeit, aber auch den Mut zu spüren, wie tief verwundet wir am Herzen sind. Wir betrachten einfach das, was wir so lange Zeit vor uns selbst verborgen haben. Wir öffnen uns und geben uns die Erlaubnis zu fühlen, was wirklich ist, in uns, im anderen, zwischen uns.
Denken wird zum Fühlen, Fühlen wird zum Sein. Achtsam, präsent, feinfühlig öffnet sich in uns ein Paradox und vielleicht ein Mysterium: Gerade die verwundeten Bereiche sind Tore zu uns selbst.
Es ist ein Loslassen von allem Solltest, Müsstest und Dürftest, von allem Wünschen, Wollen und Brauchen. Was ist, darf sein. Was sein darf, wandelt sich. Das ist das ganze Geheimnis der Transformation.
Oder anders gesagt: Energien kommen zu fließen, einfach weil sie gelassen werden und weil es ihre Natur ist zu fließen. Was verschlossen war, wird wieder geöffnet, und was getrennt war, wird wieder miteinander verbunden. Die subtilen, feinen und verletzlichen Energien werden mit den leidenschaftlichen und wilden Energien vereint. Wir sind nicht mehr länger gespalten gegen uns selbst und die Welt. Alles ist Eins.

 

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