Der Orgasmus

 

Über den Orgasmus

»Wenn der Orgasmus kommt, pulsiert deine ganze körperliche Kraft in einem Tanz; jede Zelle, jede Faser deines Körpers tanzt in einem Rhythmus, in einer Harmonie, die du im normalen Leben nicht kennst. In diesem Augenblick öffnet sich eine Tür, durch die dir deine innere Glückseligkeit entgegenströmt.« (Osho)

Ein Orgasmus ist der intensivste Energieschub überhaupt. Alles löst sich auf in Sexualität, in Sinnlichkeit, in eine Art immenser Empfindsamkeit. In diesem Moment hält man eine Welt in seinem Arm und ist an der Quelle angekommen.
Doch viele von uns tragen in sich das Verbot zu genießen. Übernommene Moralvorstellungen aus Erziehung und von der Gesellschaft haben uns abgetrennt von unserem angeborenen Recht ekstatisch zu sein. Insbesondere die Beckenregion ist oft mit Verboten und Tabus belegt. Da darf nur halb oder gar nicht gefühlt werden. Und sobald die sexuelle Energie anzusteigen beginnt, spannen wir uns an, um die »verbotenen« Teile unseres Körpers nicht zu spüren. Insbesondere die Genital- und Analmuskulatur mitsamt der Bauch- und Oberschenkelmuskeln werden kontrahiert. Die Folge davon ist, dass die Entladung auf einem sehr niedrigen Pegel der Erregung erfolgt, weil ab einem bestimmten Punkt die Intensität der Empfindungen nicht mehr ausgehalten wird. Wir verschließen uns, anstatt uns zu öffnen, so dass der Orgasmus lediglich in den Genitalien stattfindet, nicht aber im ganzen Körper. Denn erst wenn der Körper entspannt ist, kann die befreiende Macht der vibrierenden orgastischen Energie den gesamten Körper durchfluten und jede Zelle zum Pulsieren bringen.

 

Im Meer der Empfindungen

Die Tantramassage kann dabei helfen, jene gedachten Grenze, die Intensität der Energie, die man sich selbst erlaubt, zu verschieben. Sanfte Massagestriche laden dazu ein, sich zu öffnen und ganz dem Meer an Empfindungen hinzugeben. Wissende Hände lassen dich spüren, dass du sein darfst mit dem gesamten Spektrum deiner Lust.
Bewerte nicht. Versuche nicht irgendetwas zu erreichen. Lass zu, dass deine Hüften vom dem um sich greifenden Feuer erfasst werden und gib dich ganz dem Vibrieren und Zittern deiner Zellen hin. Dazu ist es hilfreich, die Aufmerksamkeit auf die Atmung zu richten. Dabei muss nichts forciert werden; die Atmung vertieft sich von alleine, wenn sie beobachtet wird. Und vielleicht wirst du erleben, wie jede Faser deines Körpers in einem Rhythmus zu tanzen beginnt, und sich dir ein Universum öffnet, das zuvor unbekannt war. Das Geheimnis dabei ist, im Zustand hoher Erregung entspannt zu bleiben.
Kurz vor dem Punkt ohne Wiederkehr (bevor es zur orgastischen Entladung kommt) ziehst du dann mit einem tiefen Atemzug die Erregung von den Genitalien ins Herz hinein. Wenn die Erregung ins Herz kommt, wird aus der Geilheit ein Fühlen von Freude, das sich im ganzen Körper ausbreitet. Du kehrst zurück, zu der Liebe, die du bist, zu deiner Unschuld und deiner Spontaneität. Lass die sexuelle Energie den ganzen Körper aufladen und sich im ganzen Körper verteilen. Dann wird der Orgasmus nicht nur in den Genitalien stattfinden sondern ein Jubilieren jeder Zelle sein.


Wir alle sind aus der Lust entstanden

Um an dieser Stelle Missverständnissen vorzubeugen, da viele Tantra-Seiten im Internet den Orgasmus ohne Ejakulation propagieren: Ein tantrischer »Nicht-Orgasmus« setzt eine tiefe Erfahrung von Orgasmus voraus. Erst wenn wir gelernt haben, uns der sexuellen Energie überwältigen zu lassen, kann die nächste Ebene betreten werden.
Mit anderen Worten: Um zu den Höhen ekstatischer Sexualität aufsteigen zu können, müssen wir fest im Körper verwurzelt sein. Dies beginnt mit der Anerkennung unserer Triebe und Begierden und ihrem Genuss. Dabei ist es hilfreich, sich von jenen Konditionierungen zu verabschieden, die uns davon abgetrennt haben, genussvoll im Körper zu sein. Erst dann werden wir wieder wissen, dass Ekstase unser Geburtsrecht ist und unsere Lust eine Quelle der Seligkeit.

Wir alle sind aus der Lust entstanden. Sie ist in jeder Zelle gespeichert, seit der Samen unseres Vaters auf das Ei unserer Mutter traf. Sie ist die Kraft, die uns rückbindet mit unserem Ursprung, der Schlüssel der Religio, (lat. »religio« = Rückbindung). Doch zugleich ist sie die am meisten pervertierte, bis zur Unkenntlichkeit in düstere Verliese verdrängte Kraft.
Die Lust wurde von der Liebe abgespalten, die Sexualität von der Spiritualität, das Profane vom Heiligen. Die Folge davon: Wir selbst sind von unserer freudvollen, befreienden, ekstatischen Sexualität abgespalten. Wir fließen nicht, wir strömen nicht, wir wagen es nicht, alle Kontrolle loszulassen und uns vom Feuer der Lust überwältigen zu lassen.  Denn im Orgasmus schauen wir unserer Existenz ins Auge. Es ist der Moment, wo wir uns selbst begegnen und vollkommen geöffnet sind - ganz nah, ganz da, ganz im Hier und Jetzt und zugleich: nichts mehr. Die Begrenzen, in denen wir uns so sicher eingerichtet hatten, sie sind nicht mehr. Wir sind Alles und Nichts zugleich.

 

Rückkehr zur Einheit

Die Tantra-Massage führt genau an die Grenze, zu dem Punkt, wo wir uns von der Einheit abgespalten haben. Dabei kann es sein, dass der Schmerz wieder lebendig wird, der zu der Trennung geführt hat, der Schmerz, dass etwas Kostbares von uns nicht wahrgenommen oder verneint wurde - unsere funkensprühende, Wonne verheißende Sexualität.
Mittels Überformungen, wie die Fixierung auf ganz bestimmte Formen der Stimulation, Verhaltensmuster oder die Verwandlung in einen Leistungsanspruch, haben wir gelernt, diesem Schmerz zu entgehen. Flacher Atem, der nicht über die Brust hinauskommt, hilft ebenso nicht an diesen Punkt zu kommen. Denn wenn man tief atmet, geht der Atem direkt ins Sexzentrum, massiert es von innen, erregt es. Oft wird der Atem im Moment des Orgasmus in der Brust festgehalten, so dass die Energie nicht aufsteigen kann. Doch damit verwehren wir uns selbst, mit unserer wahren, sexuellen Potenz in Kontakt zu kommen.
Wir können nicht nur mit einem Teil von uns orgastisch sein, sondern allein mit unserem ganzen Sein. Die sexuelle Energie, die uns durchströmt, macht nichts anderes, als dass sie uns in die Wahrheit unseres Körpers und unserer selbst bringt. All das, was wir bisher nur halb gefühlt, gedämpft gefühlt oder uns nicht erlaubt haben zu fühlen, wird nun in seiner ganzen Intensität spürbar. Blockierte und durch Verhärtung steif und taub gewordene Bereiche unseres Körpers werden mit neuem Leben erfüllt, so dass sie wieder Teil von uns werden können.
Wir können natürlich die alten bewährten Verhaltensmuster beibehalten und uns anspannen, so dass die befreiende, transformierende Kraft nicht durch uns hindurch fließen kann. Aber damit schlagen wir wieder in die Kerbe rein, die uns einst geschlagen wurde. Wir selbst trennen uns ab und erlauben uns nicht jenes wilde, sexuell ekstatische, hingebungsvolle Wesen zu werden, das wir sind.

Eine tief gehende Verwandlung geht nicht, ohne dass wir das Tal der Schatten durchschreiten. Wagen wir es jedoch, mitten in den Schmerz hineingehen, so werden wir entdecken, dass er nichts anderes ist als unterdrückte, nicht zugelassene Freude. So schwierig der Weg auch sein mag, eines sollten wir nicht vergessen: Der Eros ist das Tiefste und Schönste auf der Welt, wo er frei strömen kann. Er ist aber auch das Tiefste und Schlimmste, wo er blockiert und betrogen wird. Oder mit den Worten Oshos über Reich:

«Wilhelm Reich hat recht, wenn er sagt, dass, wenn wir der Menschheit den Orgasmus zurückbringen, werden fast neunzig Prozent der Geisteskrankheiten sofort verschwinden - wie Tautropfen am Morgen, wenn die Sonne kommt.«

 

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